Jean-Paul Sartre: "Das Sein und das Nichts"
Auszug aus dem Kapitel
" Erste Haltung gegenüber Anderen:
die Liebe, die Sprache, der Masochismus "
... Wir haben die dreifache Zerstörbarkeit der Liebe definiert:
Erstens ist sie ihrem Wesen nach ein Betrug und eine Verweisung bis ins Unendliche,
denn lieben heißt wollen, daß man mich liebt, also wollen, daß der andere will, daß ich ihn liebe.
Und ein vorontologisches Verständnis dieses Betrugs ist im Liebeselan selbst gegeben:
daher das ständige Unbefriedigtsein des Liebenden. Es kommt nicht, wie man allzuoft behauptet,
von der Unwürdigkeit des geliebten Wesens, sondern von einem impliziten Verständnis dessen,
daß die Liebesintuition als Begründung-Intuition ein unerreichbares Ideal ist.
Je mehr man mich liebt, um so mehr verliere ich mein Sein, um so mehr bin ich meinen eignen Verantwortlichkeiten,
meinem eigenen Seinkönnen überlassen.
Zweitens ist das Erwachen des andern jederzeit möglich,
von einem Augenblick zum andern kann er mich als Objekt vor ihn hintreten lassen:
daher die ständige Unsicherheit des Liebenden.
Drittens ist die Liebe ein durch die andern fortwährend relativiertes Absolutes.
Man müßte mit dem Geliebten allein auf der Welt sein,
damit die Liebe ihren Charakter einer absoluten Bezugsachse bewahren könnte.
Daher die ständige Scham ( oder der ständige Stolz - was hier auf dasselbe hinausläuft ) des Liebenden.
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