Sibylle Lewitscharoff: "Pong"
Auszug aus dem Kapitel
"Warum einem Verrückten die Welt gefällt wie sie ist und manchmal nicht"
Ihm gefällt aber nicht nur die Welt als Ganzes, sondern auch in ihren Teilen. Teilen, die womöglich schadhaft
sind und trotzdem von ihm geliebt werden, ja gerade darum mit einem Herzen, das dringlich an die Innenwand
des Leibes klopft, geliebt werden.
Es fängt damit an, daß der Mann erkennt, wie die Welt in allen ihren Einzelheiten,
und bevorzugt in ihren kleinsten, eine Botschaft für ihn bereithält. Das Lindenblatt, das vor
ihm im Wind glitzert, bekennt seine Mitschuld am Tod des Nibelungen Siegfried und fordert ihn auf, einmal mit
dem Finger über es zu streichen und die kaum mehr zu tragende Schuld fortzuwischen. Er tut es und hat nun einen
Tropfen fremder Schuld am Finger hängen. Als ein zu frischen Taten aufgelegter Schmerzensmann verläßt er den Garten.
Er läuft auf der Straße einer stark parfümierten Frau hinterdrein, die ein Kind mitzerrt und häßlich auf es
hinunterredet. Heldenhaft macht sich der Mann daran, das ihm ekelhafte Parfüm, dessen verheerende Wirkung
auf das Kind er fühlt, einzusaugen, damit ein reiner Luftraum entsteht, in dem das Kind atmen und einen
Gedanken in Schönheit denken kann. Es fruchtet natürlich wenig, das ist dem Mann klar, aber eine Scheu., sein
Vorhaben möchte falsch ausgelegt werden, hindert ihn, vor der Frau herzulaufen und dort ihr Parfüm
wegzuatmen, wo es ja viel wirkungsvoller wäre. Er faßt sogar den Plan, das Kind bei der Hand zu nehmen und ein
Stückchen mit ihm zu rennen, läßt es aber sein, weil er ihn abgeschmackt findet, den Wettlauf Gut gegen Böse.
Bald darauf macht er sich Vorwürfe, daß es ihm an Mut gefehlt hat.
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